Edgar Hofer im Interview:

„Du selbst bist diese Liebe. Du selbst bist diese Erfüllung all dieser Träume.“


Lina Ivonne:
In unserem Gespräch für die Frauen-Konferenz haben wir auch über „erwachte Beziehungen“ gesprochen, bzw. kam dir dann der Begriff „erlöste Beziehungen“. Welche Qualitäten hat eine erlöste Beziehung? Was braucht es dafür? Können wir überhaupt dafür etwas machen? Oder passiert auch das einfach so, wenn es passieren soll?

Edgar: Letztlich ist für mich eine „erlöste Beziehung“ etwas, wo jeder Anspruch daran, dass der Partner eine Vorstellung oder Erwartungshaltung, ja mehr noch ein Bedürnis oder einen Mangel, also ein „Brauchen“ erfüllen müsste, aufgegeben wurde. Wo also beide aufatmen können und sich entspannen. „Einfach so sein“ können, ohne Maske, ohne verstellen. In ihrer Authentizität also. Ohne Veränderungswunsch des Partners also. Ohne eigenen Veränderungswunsch. Ohne eigene Projektionen. Ohne den Druck durch Projektionen des Partners. Wo es sich tatsächlich mit Partner genau so entspannend anfühlt, als wäre man allein zu Hause. 😉 Was es dazu braucht: Nuja, „leider“ brauchts dazu tatsächlich, dass beide Partner schon „erlöst sind“ von all dem oben beschriebenen. Dass sie „vom Brauchen“ erlöst wurden. Dass sie bereit sind, diese Erlösung als wichtigstes Gut einer Beziehung zu sehen, und sollte es *nicht* so sein, dann lieber alleine blieben, als einen Kompromiß in dieser Frage einzugehen. Sie müssten also diese „Erlösung aus dem Beziehungsstress“ in ihrer „Beziehubngs-Prioritätsliste“ weit über allem anderem stehen haben. Also vor Sex. Vor Verliebtheit. Vor Absicherung. Vor der Angst vom „alleinsein“. Vor jeglichem Brauchen also. Und nein, dafür kann man kaum etwas „machen“. Außer, in einer Phase nach einer eigenen „Selbstfindung“ eine zeitlang allein zu bleiben. Sich voll und ganz in sich selbst zu „rooten“. Alleinsein als ein „all ein sein“ begreifen. Und natürlich auch durch alle möglichen Formen von „Arbeitsbeziehungen“ (siehe unten) hindurch gegangen zu sein. Dies deshalb, um möglichst des-illuioniert zu sein von allem romantischen Träumen und auch neo-romantischen Träumen (letzteres z.b. sind die Träume nach Zwillingsseele usw).

Lina Ivonne: Ich habe in Erinnerung, dass du auch von einer Arbeitsbeziehungen gesprochen hast. Darauf möchte ich nochmal eingehen, da es sicher für viele ein Thema ist. Was hat die Arbeitsbeziehung für Qualitäten?

Edgar: Ja, ich sehe es so, dass man in jungen Jahren hauptsächlich erstmal „Erfüllungsbeziehungen“ hat. Erfüllung von Verliebtheit. Erfüllung von Sicherheit. Erfüllung von Familienwunsch. Erfüllung von Sex (!). Erfüllung von Liebe. Erst danach (bzw frühestens mit der Liebe) kommen „Arbeitsbeziehungen“ ins Spiel. Heutzutage meist so ab einem Alter von 30-40 (bei Männer tendentiell 5 Jahre später, würd ich sagen). Eine Arbeitsbeziehung ist dann eine Art „emotionale Therapie-Beziehung“. Es werden gegenseitig Knöpfe gedrückt, Projektionen angeschaut, ausgelebt, teils geheilt. Und meist existiert eine übergroße Anziehung (sei es durch Sex oder durch Romantik. Oder durch gemeinsame Spritualität, durch ein „Erkennen“, durch Zwillingsseelen-Gefühle) und diese übergroße Anziehung und auch eine gewisse spirituelle Reife (z.b. auch durch Therapien davor erreicht) führt dazu, dass man „dranbleibt“, wo man vorher vielleicht schon beim ersten Wind aufgab. Man arbeitet sich also seine Themen aneinander ab. Es geht also vorwiegend um „psychische Prozesse“. Und meist hat man in dieser Phase dann mehrere Arbeitsbeziehungen hintereinander. Bis zur „großen De-Illusionierung“, ab der man dann bereit ist, in eine Phase des alleinseins und all-ein-seins einzutreten und diese dann wichtiger wird, als jeder Beziehungswunsch.

Lina Ivonne: Ist die Arbeitsbeziehung der Weg zur erlösten Beziehung?

Edgar: Ja, siehe oben. Nach einer Phase des Alleinseins „stolpert“ man dann regelrecht in eine „erlöste Beziehung“. Die man zwar dann schon bemerkt, aber lange noch gern im alleinsein verbleibt. Energetisch ist das größte Erkennungszeichen, dass man neben dem Partner genau so sein kann, wie man wäre, wenn man alleine ist. Was man natürlich nur beurteilen kann, wenn man das energetiscche Gefühl kennt, dass sich einstellt, wenn ein Partner projeziert: man fühlt, man ist selbst nicht mehr ganz „echt“.

Lina Ivonne: Können wir sie umgehen oder ist sie notwendig, um wirklich bei sich anzukommen?

Edgar: Sie verläuft parallel. Es gibt Arbeitsbeziehungen „vor“ dem „bei sich ankommen“. Und es gibt welche danach. Aus meiner Sicht beginnt die „richtige Arbeit“ erst „danach“.

Lina Ivonne: Was ist, wenn eine Beziehung nur noch schmerzt und kaum noch Freude und Gemeinsamkeiten vorhanden sind? Das Buch „Liebe Dich selbst und es ist egal wen du heiratest“ zeigt ja eher, dass wir viel zu schnell vom Partner gehen, obwohl es da noch ganz viel Potential gibt. Was meinst du dazu?

Edgar: Siehe oben. Gibt da kein richtig und kein falsch, nur unterschiedliche Phasen. Wenn „kaum noch Freude und Gemeinsamkeit vorhanden ist“, ist das imho ein großer Weckruf für Trennung. Dem man in früheren („Erfüllungsbeziehungen“) dann auch folgt. Aber in späteren „Arbeitsbeziehungen“ dann eben länger dran bleibt. Durch die große spirituelle Anziehung. Obig erwähntes Buch hab ich nicht gelesen. Vom Titel würde ich sagen „liebe dich selbst“ ist die Eintrittskarte zu Arbeitsbeziehungen, aber letztlich ist die totale Erfüllung dieses „liebe dich selbst“ aus meiner Sicht erst dann, wenn man eben keine Kompromisse mehr eingeht und lieber alleine bleibt, als nicht „voll und ganz echt sein zu können“ in einer Partnerschaft. Wobei „Arbeitsbeziehungen“ auch Spass machen sollen (und ja auch tun). Man kann da dann das „echt sein und echt bleiben“ üben. Aber „erlöst“ ist das ganze erst jenseits davon. Vor allem „erlöst“ von all diesem Stress, der damit verbunden ist. Solang das Eu-Stress ist, ist es ja gut. Sobald es Di-Stress wird, aber ungesund und widerspricht dann dem „liebe dich selbst“. Oder anders gesagt: Durch die Selbstliebe kann man echt bleiben, aber es entsteht in Arbeitsbeziehungen viel „Kampf“ um das „echt sein“. Es ist subtil anstrengend. Und irgendwann ist der Punkt, wo es zwar egal ist, WEN du heiratest. Aber nicht mehr egal, OB du überhaupt heiratest 😉 – d.h. man verliert das Interesse an diesen „Prozessen“ an dem Punkt, wo man selbst völlig Des-Illusioniert wurde. Und das ist dann die Heilung (von all diesen Träumen und Hoffnungen). Die Hoffnung stirbt also auch hier zuletzt.

Lina Ivonne: Wo wir beim Thema Selbstliebe sind: Das Wort wird sehr oft verwendet. Es ist ja soooooo wichtig, damit eine Partnerschaft wirklich funktionieren kann. Nur aus meiner Erfahrung ist es nicht so, dass ich mich vor den Spiegel stelle und mir immer sage: „Ich bin wertvoll und schön!“ Da steckt doch sicher etwas viel tieferes dahinter!? Was ist WIRKLICH damit gemeint?

Edgar: Ja, da hast du recht. Viel tiefer. Damit ist gemeint, dass die Liebe, die du dir von anderen bzw dem Partner erhoffst, letztlich nur selbst schenken kannst. Ja mehr noch, du selbst bist diese Liebe. Du selbst bist diese Erfüllung all dieser Träume. Das ist wie eine innere abgespaltete Hälfte, die nach außen projeziert wurde und wird (in *jeder* Partnerschaft). Der innere Geliebte. Die innere Geliebte. Den hast du schon in dir, immer. Und kein äußerer Geliebter kann jemals das erfüllen. Was du schon in dir trägst. Und wahre Selbstliebe ist die Vereinigung mit diesem inneren Geliebten. Letztlich mit Gott. Bzw für Männer mit der Göttin. Der EINEN Göttin in uns allen. Dem EINEN Gott in uns allen. Mit unserem wahren Selbst. Und erst dann beginnt die Liebe „überzufliessen“. Davor sind wir nur „bedürftig“. Diese Selbstliebe betrifft natürlich nicht den Körper, nicht das Äußere (natürlich auch, aber das ist nur ein kleiner Teil und Ausdruck deiner Selbst). Es ist das, was und wie du wirklich bist. Alles anzunehmen an dir. Inklusive Persönlichkeit. Charakter. Verstand. Fehler (vor allem „Fehler“). Angebliche Mängel. All das. All das, was „von Anderen“ möglicherweise nicht so sehr geliebt wird (weil man es selbst nicht liebt). „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ macht also erst Sinn, wenn wir uns selbst auch wirklich lieben. Mit all unseren scheinbaren Mängeln. Mit all unserem Versagen. Mit all unseren Schatten.

Lina Ivonne: Oft sind uns Menschen Partnerschaften sehr wichtig. Wir wollen glücklich mit einem Partner sein; er soll uns lieben, begehren, wir wollen ihm alles anvertrauen können und möglichst viel mit ihm teilen. Meist fallen wir mit diesen Vorstellungen auf die Nase. In der Verliebtheitsphase funktioniert das noch und danach zerplatzt dieser Traum meist. Nun meine Fragen dazu: Muss ich Partnerschaft total vergessen? Also sollte ich den Willen -eine glückliche Partnerschaft führen zu wollen-  völlig aufgeben?

Edgar: Ja und Nein. Es kommt drauf an, was man erfahren möchte. Wo man hin will. Und noch viel mehr kommt es drauf an, was man erfahren soll. Wo man hin „soll“. Also auf das „Schicksal“ aus meiner Sicht. 😉 Ein „müssen“ gibt es da also nicht. Und es gibt viele glückliche Beziehungen von Anfang an. Ohne viel Arbeit. Ohne viel Prozess. Ohne spirituelle Erlösung. Aber dennoch mit Zufriedenheit. Da ist es in diesem Leben einfach nicht so sehr Thema. Sind andere Themen im Vordergrund. Das ist weder besser noch schlechter. Aber wenn es einem bestimmt ist, da tiefer zu gehen, ja, dann wird der Punkt kommen, wo man den Willen, besser den Wunsch, die Sehnsucht nach solch einer „gewöhnlich glücklichen Beziehung“ eventuell aufgeben muss. Aber das geschieht dann von selbst. Das Leben selbst sorgt dann durch entsprechend harte Enttäuschung für die passende Des-Illusionierung. Da braucht man also nichts dafür tun. Es geschieht einfach. Weil nichts anderes mehr Sinn macht. Dieses „aufgeben“ ist also nichts, was man willentlich tut. Sondern ein natürlicher psychisch-spiritueller Prozess. Und das geschieht nicht einmal. Meist mehrfach. Wie bei den Schalen von Zwiebeln. Schicht um Schicht. (Und der Weg ist weit… zum Beispiel schreibst du oben „er soll uns lieben“. Es gibt Beziehungen, wo nur einer liebt. Wo nur du liebst. Wo es z.b. nicht wichtig ist, wieder-geliebt zu werden. )

Lina Ivonne: Überall liest und hört man doch von Beziehungsratgebern: Beziehung ist Arbeit! Jeder muss etwas dafür tun! Verabreden sie sich regelmäßig! Von nichts kommt nichts! Öffne dein Herz! Nimm die Sicht deines Partners ein! Für mich ist das widersprüchlich. Aber vielleicht ist das gar kein Widerspruch. Magst du etwas dazu schreiben?

Edgar: Der spirituelle Erfahrungsraum ist ein riesig großer. Beziehungsratgeber wie eben von dir erwähnt sind sicher gut, für die ersten Beziehungen. Um überhaupt mal „beziehen“ zu lernen. Das ist aber letztlich nicht das, was ich mit „Arbeitsbeziehung“ meine. Die kommt erst viel später, wo es wirklich an das psychisch Eingemachte geht. Um die Persönlichkeit. Um Projektionen. Was regelrecht Therapie ist. Das, was solch „normale Beziehungsratgeber“ mit „Arbeit“ meinen ….. nunja….. ist sicher nicht schlecht. Aber halt eher so Grundschule für junge Menschen in ersten Beziehungsversuchen die bisschen länger halten sollen 😉 Aus meiner Sicht ists sogar eher andersrum so, dass man sich da von Anfang an nicht zu sehr verbiegen soll. Was nicht von selbst geschieht, aus einer Natürlichkeit und Freude, weil man es eben „wirklich will“, ist es nicht wirklich wert. Wäre sonst nur ein Weg, eine schöne Beziehungsmaske aufzubauen und jemanden vorzuspielen, der man nicht wirklich ist. Obwohl man es ja wäre, wenn das zugrundeliegende Gefühl (die Liebe, Verliebtheit o.ä) eben wirklich da wäre. Ich halte also solche Beziehungsratgeber also letztlich für entbehrlich. Das ist normale „Verhaltenspsychologie“, die von Menschen ja letztlich verlangt, sich auf eine Art zu „verhalten“, wie es „günstig“ oder „richtig“ wäre. Ein Spiegel unserer Leistungsgesellschaft also. Damit werden die Menschen einfach zu oft dazu angeregt, nicht mehr authentisch zu sein. Ich gebe deinem Gefühl zu solchen Ratgebern also Recht – vor allem was die Weiterentwicklung in Sachen „Echtheit“ betrifft. Diese Ratgeber funktionieren zwar, aber man erntet damit nichts „echtes“. Und so fühlt es sich dann irgendwann auch an. Gut eintrainiert, aber leer und schal. Ohne Energie. Und somit auch ohne Emotion, Gefühl, Leidenschaft.

Lina Ivonne: Schlusssätze (vielleicht kommt dir dazu noch ein Impuls): Ich spüre oft diese Sehnsucht, dass ich grundlos lieben möchten. Ich glaube, es ist eine Sehnsucht der Menschheit. Wir alle haben es schon erlebt, z.B. wenn wir ein Baby anschauen oder einfach so die ganze Welt umarmen könnten. Wie schön ist es denn als Mensch lieben zu dürfen!!!!!!??????

Edgar: Das ist das eigentliche und größte Geschenk eben überhaupt. Lieben zu dürfen. Darum geht’s. Es geht nicht ums geliebt werden. Es geht ums grundlos lieben. Einfach weil die Liebe da ist. Von Selbst. Ohne Bedingung. Ohne erklärbare Ursache. Und vor allem: Ohne brauchen. Ohne Business. Ohne Tausch. Einfach nur Liebe. Weil sie da ist. Und genau das ist auch dann das größte Geschenk für spirituelle Menschen die zwar „eigentlich ganz gut alleine sein und bleiben könnten: Wenn ihnen das Leben jemanden schenkt, den sie Lieben dürfen“.

Alles Liebe 
Edgar